Lebendig sein

die Liebe zum Leben und allem Lebendigen

Es gibt eine Runde, die ich kenne wie meine eigene Handschrift.

Ich fahre ein Stück auf den Berg, steige aus – und gehe. Nicht weit, nicht lang, aber jedes Mal anders.

Auf dem Weg liegen mehrere Seen. Im Winter pumpen sie Wasser für den Schnee. Im Sommer liegen sie einfach da – blau, still, spiegelglatt. Die Berge dahinter noch weiß an den Gipfeln, die Wiese davor voller Löwenzahnköpfe.


Ich bleibe stehen. Höre den Wind im Gras. Rieche die feuchte Erde. Und schaue einfach.


Und dann passiert etwas, das sich schwer erklären lässt, aber sofort spüren. Etwas in mir wird ruhiger, weicher. Als würden die Seen mir etwas zurückgeben, das ich im Alltag abgegeben habe.


Der Biologe Edward O. Wilson nannte das Biophilia. Die Liebe zum Leben und allem Lebendigen. Eine tiefe, angeborene Verbindung des Menschen zur Natur, kein Programm, kein Konzept. Etwas, das in uns steckt. Wir sind Teil der Natur. Unser Nervensystem weiß das, auch wenn wir es im Alltag vergessen haben.


Was passiert, wenn wir uns dieser Verbindung hingeben? Der Stresspegel sinkt. Das Immunsystem erholt sich. Die Gedanken verlieren ihre Schärfe, der Blick wird weiter. Plötzlich sind Dinge möglich, die vorher schwer waren — klarer denken, besser entscheiden, wieder bei sich sein. Wir waren einfach draußen.


Der Wald beruhigt das Nervensystem, nicht nur die Lunge. Wasser verlangsamt den Atem. Und die Wiese mit den Löwenzahnköpfen erinnert daran, dass das Leben weitergeht, beharrlich, ohne Aufhebens.


Ich brauche diese Runde. Ich brauche sie, weil ich danach wieder ich bin.

Das, glaube ich, ist das eigentliche Geschenk der Biophilia. Die Natur erinnert uns daran, dass wir dazugehören. Auch dann, wenn innen oder außen vieles wankt.


Wann bist du zuletzt einfach losgegangen?


“Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern unsere Meinung über die Dinge.”

- Epiktet -
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