Was du übersiehst, wenn du nicht hinschaust
Nach Möglichkeit versuche ich jeden Tag einen Spaziergang zu machen.
Es gibt Tage, an denen ich das Hörbuch einpacke. Fast immer sind es Sachthemen, die ich mir anhöre. Beim Gehen erschließen sich mir diese Inhalte fließend – der Rhythmus der Schritte trägt irgendwie auch den Gedanken.
Ich entscheide während ich losgehe, ob ich die Kopfhörer ins Ohr stecke oder nicht.
Kein Prinzip dahinter. Kein Vorsatz.
Einfach ein Gefühl, das sagt: heute nicht.
An solchen Tagen passiert etwas Spannendes.
Der Weg ist derselbe. Die Fichten stehen, wo sie immer stehen. Der Bach macht das, was Bäche machen.
Aber ich höre ihn anders.
Nicht als Kulisse – sondern wirklich. Ich bemerke, wie das Licht durch die Äste fällt. Wie der Boden riecht, als hätte es nachts geregnet. Wie ein Vogel dreimal denselben Ton wiederholt – geduldig, als hätte er Zeit.
Ich bin diesen Weg hundert Mal gegangen.
Und er zeigt mir noch immer Dinge, die ich noch nie gesehen habe.
Das Scrollen macht etwas Ähnliches mit uns – nur umgekehrt.
Man ist dabei. Man schaut. Man wischt.
Und trotzdem rutscht vieles einfach durch.
Der Strom hört nie auf.
Immer wartet schon das Nächste.
Irgendwann merkt man: Man entscheidet gar nicht mehr.
Man gleitet einfach mit.
Einschränken muss man nichts. Verzichten auch nicht.
Und das Merkwürdige daran ist – man merkt es oft erst später. Wenn man aufschaut und sich fragt, wo die letzte Stunde hingekommen ist. Was man eigentlich gesehen hat. Was geblieben ist.
Es ist ganz gut, öfter einfach das Handy in die Tasche zustecken.
Den Ohrstöpsel draußen lassen.
Und schauen, was der Weg erzählt, wenn man ihm zuhört.
Es ist erstaunlich, was die ganze Zeit da war.
Was einfach wartet – still und geduldig – bis man wieder bereit ist hinzuschauen.
Und Fritz saß auf einem bemoosten Stein und schaute lange ins Nichts.
„Weißt du," sagte er schließlich, „ich lebe in einem Holzstück.
Und selbst ich schaue lieber raus."
Wegzeichen - Post von mir
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