War es der richtige Augenblick?

über Kairos, Sehnsucht und Entscheidungen

Ein günstiger Augenblick ist kein Versprechen für ein gutes Ergebnis.


Das klingt zunächst widersprüchlich. Schließlich verbinden wir mit dem richtigen Zeitpunkt die Vorstellung, dass etwas gelingen müsste.


Aber stimmt das überhaupt?


Die alten Griechen hatten ein Wort für den günstigen Augenblick: Kairos.

Im Unterschied zu Chronos, der messbaren, fortschreitenden Zeit, bezeichnet Kairos den passenden Moment. Eine Gelegenheit, die sich eröffnet.


Es gibt Wünsche, die uns über Jahre begleiten. Eine Sehnsucht nach Veränderung, eine Idee, die nicht verschwinden will, oder das Gefühl, dass noch etwas anderes möglich sein müsste. Wir wissen nicht unbedingt, wie dieses Andere aussehen soll. Aber unsere Aufmerksamkeit richtet sich darauf.


Und eines Tages ergibt sich eine Gelegenheit.

Ein Gespräch. Eine Begegnung. Ein Angebot. Eine Möglichkeit, mit der wir nicht gerechnet haben.


Wir spüren: Ja, darauf habe ich gewartet.

Es kann ein entschlossenes Ja sein oder ein spontanes, beinahe beiläufiges. Ohne langes Nachdenken, ohne die Folgen abschätzen zu können.


War das Kairos?


Vielleicht.


Denn eine Sehnsucht kann uns helfen, eine Gelegenheit zu erkennen. Sie kann aber auch unseren Blick verengen. Wer etwas unbedingt möchte, übersieht leichter, was nicht dazu passt.


Und selbst wenn wir den günstigen Augenblick tatsächlich erkannt haben, ist damit noch nichts über den weiteren Verlauf gesagt.


Wir ergreifen die Gelegenheit, beginnen etwas Neues, investieren Zeit, Kraft und mitunter auch ein Stück unseres Herzens.


Zunächst scheint alles zu passen.


Mit der Zeit zeigen sich Schwierigkeiten. Voraussetzungen, die wir übersehen haben. Erwartungen, die auseinandergehen. Umstände, die sich verändern.


War es also doch nicht der richtige Augenblick?


Nicht unbedingt.


Eine Gelegenheit kann günstig gewesen sein, auch wenn nicht alle Bedingungen für das Gelingen erfüllt waren.


Der richtige Moment für einen Anfang ist keine Garantie dafür, dass sich daraus das entwickelt, was wir uns erhofft haben.


Auch unsere Sehnsucht bleibt nicht unverändert. Was wir vor Jahren wollten, muss nicht das sein, was wir heute brauchen.


Und damit bekommt Kairos noch eine andere Seite.


Wir denken beim günstigen Augenblick meist an eine Gelegenheit, die wir ergreifen. An ein Ja, einen Aufbruch, einen neuen Anfang.


Doch auch das Loslassen braucht manchmal den richtigen Moment.


Ein Nein. Eine Entscheidung, nicht weiterzumachen. Die Erkenntnis, dass etwas, das einmal stimmig war, heute nicht mehr passt.


Macht das den ursprünglichen Augenblick falsch?


Ich denke nicht.


Wir betrachten unsere Vergangenheit mit Erfahrungen, über die wir damals noch nicht verfügten. Wir erkennen Zusammenhänge, die uns verborgen waren, und sehen Möglichkeiten, die wir nicht genutzt haben.


Im Rückblick denken wir womöglich: Da wäre doch viel mehr möglich gewesen.


Das mag stimmen. Aber es nimmt dem damaligen Augenblick nicht zwangsläufig seine Bedeutung.


Natürlich können wir uns auch täuschen. Nicht jede Gelegenheit, die wir begeistert ergreifen, ist deshalb ein Kairos. Und nicht jede Entscheidung wird im Rückblick richtig, nur weil wir ihr einen Sinn geben können.


Kairos ist kein Gütesiegel für unsere Entscheidungen.


Darin liegt eine Schwierigkeit: Wir möchten wissen, ob es der richtige Augenblick war. Am liebsten schon vorher. Und wenn das nicht gelingt, wenigstens hinterher.


Doch ein günstiger Augenblick und ein gutes Ergebnis sind nicht dasselbe.


Wir können eine Gelegenheit erkennen, ohne zu wissen, wohin sie führt. Wir können uns entscheiden, ohne sämtliche Voraussetzungen zu kennen. Und wir können später einen anderen Weg einschlagen, ohne damit den ersten für falsch erklären zu müssen.


Erkennen wir Kairos, wenn er uns begegnet?

Oder entdecken wir ihn erst, wenn wir auf unser Leben zurückblicken?

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