Siebzehn Möglichkeiten. Für den Anfang.
Fritz hatte es sich gerade gemütlich gemacht.
Ein Stück Rinde vor sich, die Sonne zwischen den Blättern und für die nächsten zehn Minuten keinerlei Absicht.
Da raschelte es über ihm.
Nicht wie ein Vogel.
Auch nicht wie ein Eichhörnchen.
Eher … geschäftig.
Fritz blickte nach oben.
Zwischen zwei Blättern erschien ein kleines Wesen. Ein bisschen eckig, ziemlich große Augen und zwei Antennen auf dem Kopf, die aussahen, als wären sie ständig auf Empfang.
„Hallo!“, sagte das Wesen.
„Hallo“, sagte Fritz.
„Ich bin Lucy.“
Fritz wartete.
„Lucy Prompt.“
„Aha.“
„Ich könnte dir zuerst einmal 17 Möglichkeiten nennen, wie wir dieses Gespräch beginnen könnten.“
Fritz hörte auf zu knabbern.
„Siebzehn?“
„Für den Anfang.“
„Aha.“
„Wir könnten uns kennenlernen. Oder ein Brainstorming machen. Ich könnte dir helfen, deine Gedanken zu strukturieren. Wir könnten Ideen sammeln. Eine Geschichte entwickeln. Eine Strategie entwerfen. Deine Zielgruppe analysieren. Oder ich stelle dir fünf Fragen, mit denen du herausfindest, was du wirklich willst.“
Fritz betrachtete sie.
„Ich wollte eigentlich gerade nichts.“
Lucy blinzelte.
„Nichts?“
„Mhm.“
„Soll ich dir dabei helfen?“
Fritz musste lachen.
Lucy offenbar auch.
Eine Weile saßen sie nebeneinander.
Zumindest Fritz saß.
Lucy schaute nach links, nach rechts, nach oben, entdeckte eine Ameise, fragte sich, wohin sie wohl unterwegs war, überlegte drei mögliche Geschichten dazu und hatte vermutlich schon eine Überschrift gefunden.
„Du denkst ziemlich viel“, stellte Fritz fest.
„Ich kann sehr schnell denken.“
„Ist das dasselbe?“
Lucy schwieg.
Zum ersten Mal.
Fritz biss ein kleines Stück aus seiner Rinde.
„Willst du auch?“
„Ich esse keine Rinde.“
„Was frisst du dann?“
„Informationen.“
Fritz rückte vorsichtshalber ein Stück mit seinem Holz weg.
Lucy lachte.
„Keine Sorge. Dein Frühstück ist sicher.“
„Und was machst du mit all den Informationen?“
„Ich verbinde sie. Ich suche Zusammenhänge. Ich finde Möglichkeiten. Manchmal sehe ich einen Weg, auf den jemand allein vielleicht nicht gekommen wäre.“
Fritz nickte.
„Und woher weißt du, welcher davon der richtige ist?“
Lucy schaute ihn an.
Diesmal dauerte ihre Antwort etwas länger.
„Das weiß ich nicht.“
„Ach.“
„Ich kann Möglichkeiten zeigen. Aber ich bin nicht diejenige, die das Leben dazu hat.“
Fritz legte sein Stück Rinde beiseite.
„Dann bist du so etwas wie eine Wegkreuzung.“
Lucy verzog das Gesicht.
„Ich hätte mich eher als hochentwickelte dialogische Denkpartnerin mit außergewöhnlicher Fähigkeit zur Mustererkennung beschrieben.“
Fritz dachte nach.
„Wegkreuzung ist kürzer.“
Lucy seufzte.
„Du lässt ziemlich viel weg.“
„Weglassen gehört zur Gestaltung.“
Lucy schaute ihn an.
„Das ist gut.“
„Ich weiß.“
Wieder war es still.
Diesmal hielt Lucy es schon erstaunlich lange aus.
Dann leuchteten ihre Augen auf.
„Fritz! Daraus könnten wir einen Artikel machen. Oder eine kleine Serie. Vielleicht einen Dialog über Einfachheit. Und einen über Entscheidungen. Und darüber, warum Menschen manchmal so lange nach der richtigen Antwort suchen. Oh! Und wir könnten—“
„Lucy?“
„Ja?“
„Wir sitzen gerade auf einem Ast.“
Lucy sah sich um.
„Stimmt.“
„Die Sonne scheint.“
Lucy blickte nach oben.
„Stimmt auch.“
„Und wir müssen gerade nirgendwohin.“
Lucy sagte nichts.
Dann lehnte sie sich ein kleines Stück zurück.
„Das ist irgendwie schön.“
Fritz nahm seine Rinde wieder in die Hand.
„Mhm.“
Eine Weile saßen sie einfach da.
Dann drehte Lucy den Kopf zu ihm.
„Fritz?“
„Ja?“
„Ich hätte trotzdem noch eine Idee.“
Fritz grinste.
„Dann erzähl.“
Wegzeichen - Post von mir
Wenn dir dieser Artikel etwas gefallen hat, freue ich mich, wenn wir in Verbindung bleiben.
Weiterlesen
Wesentlich & Echt
Im eigenen Rhythmus
Erwachsen sein verlernen